Medizinisch Geriatrische Kliniken der Evangelischen Stiftung Augusta

Geschichte der Geriatrie

Der Ursprung der Geriatrie liegt im Pflegeheim, früher stellte die dauerhafte pflegerische Betreuung von alten Menschen das primäre Ziel dar. Die medizinische Betrachtungsweise des alten Menschen eröffnete zu Beginn des 20. Jahrhunderts (1881) der Franzose Jean-Martin Charcot (1825–1893) am Hôpital de la Salpêtrière an der Universität Paris als einer der ersten Mediziner für die „geriatrische“ Disziplin innerhalb der Medizin. Als „Vater der modernen Geriatrie“ forderte der Arzt Ignatz Leo Nascher (1863– 1944) ab 1909, die Geriatrie (ähnlich der Pädiatrie für das Kindesalter) als eigenständige Disziplin zu etablieren. Eine weitere herausragende Rolle in der Entwicklung der Geriatrie spielte die britische Ärztin Dr. Marjory Warren, am West Middlesex County Hospital (London). Hier etabliert sie als erste die multiprofessionelle teambasierte Betreuung älterer multimorbider Patienten mit Zugang zur Diagnostik am Krankenhaus. Sie forcierte den Teamgedanken mit Einbinden von Physio- und Ergotherapie, mit der Einrichtung von Tagesräumen, einer speziellen Ernährung für Patienten mit Kauschwierigkeiten und einem speziellen Pflegeschlüssel. Die ältesten geriatrischen Abteilungen in Deutschland bestehen bereits seit über 40 Jahren. Dennoch hat dieses Fach bei uns bis vor wenigen Jahren ein schweren Stand gehabt. Das Interesse an der apparativ ausgerichteten Gerätemedizin überschattet seit Jahren den ganzheitlichen Ansatz der geriatrischen Medizin. Die klinische Geriatrie in Deutschland legt ihren Schwerpunkt von Beginn an in die (früh-) rehabilitative Versorgung, um während einer akuten Erkrankung eine relevante Funktionsverschlechterung mit drohender Immobilität (z. B. durch Muskelabbau) zu verhindern. In Deutschland existieren heute insgesamt 406 Abteilungen mit Akutgeriatrie im Krankenhaus (>18000 Betten) sowie 170 Einrichtungen im Reha-Bereich (>8000 Betten). Um dem Problem der alternden Bevölkerung sowohl medizinisch als auch sozialpolitisch in Zukunft gerecht zu werden, ist eine Ausweitung stationärer und teilstationärer geriatrischer Einrichtungen unabwendbar. Es haben sich in Deutschland parallel zwei Versorgungsformen etabliert. In Bundesländern wie Nordrheinwestfalen liegt der Schwerpunkt der geriatrischen Behandlung in Akutkrankenhäusern mit dem Ziel die Probleme der Multimorbidität in der akuten Krankheitsphase rechtzeitig zu erkennen, um Komplikationen frühzeitig abzufangen. In anderen Bundesländer wie Baden-Württemberg oder Bayern sind geriatrische Abteilungen überwiegend in Rehabilitationskliniken etabliert.

Die Multimorbidität bedeutet auch, dass mehrere Erkrankungen aus anderen Fachbereichen (Neurologie, Orthopädie, Unfallchirurgie, etc…) gleichzeitig auftreten. Eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Schwerpunktbildung formiert sich in vielen Krankenhäusern wie z.B. die Gerontopsychiatrie, die Alterstraumatologie (Unfallchirurgie, Orthopädie und Geriatrie) oder die geriatrische Onkologie.

Deutschlands erster Lehrstuhl für Geriatrie wurde in Erlangen im Jahr 1970 durch René Schubert besetzt. Die Geriatrie ist seit ca. 15 Jahren verstärkt wissenschaftlich und auch in der Lehre sichtbar, z.B. gefördert durch die Robert-Bosch-Stiftung von 2002 bis 2015 und die neueren Initiativen der DFG und BMBF. Dies führte innerhalb der letzten Jahre zu einer Schaffung und Neubesetzung von Professuren und Lehrstühlen für Geriatrie im deutschsprachigen Raum. Aktuell gibt es in Deutschland 13 Lehrstühle für Geriatrie. Die klinische Geriatrie hat Zukunft. Mit einer starken Forschung und einer aktiven und kreativen Lehre wir sich der Fachbereich weiterentwickeln und in Klinik und Wissenschaft mehr und mehr etablieren.