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ASSESSMENT IN DER GERIATRIE

Pflegegesetzadaptiertes geriatrisches Basisassessment (PGBA)

13. Für Sicherheit sorgen (Orientierung, Demenz)

Die Demenz ist eine erworbene langsam fortschreitende Erkrankung des Gehirns. Sie führt zu Störungen des Gedächtnisses, der Sprache, des Denkvermögens, der Orientierung sowie zur Beeinträchtigungen der autonomen Lebensführung. Dementielle Syndrome nehmen ab dem 65. Lebensjahr mit steigendem Lebensalter exponentiell zu. Betroffen sind heute 2 - 5 % der 70-jährigen, 10-20 % der 80-jährigen sowie über 30 % der 90-jährigen. In Deutschland sind zur Zeit ca.1 Mio. Menschen an Demenz erkrankt, Gesundheitsforscher erwarten ein Anstieg auf 1,8 Mio. im Jahre 2015.

Die Erkrankung beginnt oft mit kaum bemerkbaren uncharakteristischen Symptomen. Erste Hinweise für eine beginnende Demenz sind folgende Warnzeichen:

  • Rückzugstendenz aufgrund von Überforderung, depressive Stimmung
  • nachlassendes Interesse für Arbeit, Hobby und Mitmenschen
  • häufiges Vergessen kurz zurückliegender Ereignisse
  • komplexe Handlungen zu planen und auszuführen, zum Beispiel beim Einkaufen im Supermarkt, beim Koffer packen, beim Auto fahren, beim Gebrauch von Schlüsseln
  • Probleme in der Verrichtung alltäglicher Tätigkeiten, Dinge zu tun, die früher leicht von der Hand gingen, zum Beispiel Rechnen, Schecks ausfüllen ...
  • Schwierigkeiten mit der Orientierung, z.B. sich in fremder Umgebung, etwa im Urlaub, zurecht zu finden

Da die Demenz durch unterschiedliche Erkrankungen ausgelöst werden kann, sollte nach Erkennen eines Demenzsyndroms rasch eine gezielte Diagnostik erfolgen. Die Diagnose der auslösenden Grunderkrankung ist für die nachfolgende Therapie von entscheidender Bedeutung.

Nur bei circa zehn Prozent aller Demenzen können nach einer genauen Diagnostik Erkrankungen festgemacht werden, die eine Demenz auslösen (so genannte sekundäre Demenzen), das heißt, die Ursachen sind bekannt und eine ursächlich (kausale) Behandlung ist möglich.

Bei circa 90 Prozent der Demenzen sind die Ursachen unbekannt. Sie werden als primäre Demenzen bezeichnet. Davon sind:

  • circa 60 Prozent Demenzen vom Alzheimer Typ,
  • circa 20 Prozent vaskulär (gefäßbedingt),
  • circa 10 Prozent Mischformen zwischen Alzheimer und vaskulärer Form.

Diagnostik:

Besteht der Verdacht auf eine Demenzerkrankung so werden zur Diagnosefindung neuropsychologische Untersuchungen durchgeführt. Mit Hilfe psychologischer Testsysteme können Beeinträchtigungen in Teilleistungen des Gehirns herausgearbeitet werden. So lässt sich die Diagnose einer Demenzerkrankung sichern oder auch verwerfen. Hat sich der Verdacht auf ein Demenzsyndrom bestätigt erfolgen weitere klinische und apparative Untersuchungen, um die auslösende Erkrankung nachzuweisen. Zur Basisdiagnostik gehören alle Untersuchungen zum Ausschluß anderer Krankheiten (z.B. Schilddrüsenerkrankungen, Vitaminmangel etc…) Zur Diagnostik stehen der Abteilung alle notwendigen Untersuchungsverfahren wie Computertomografie, Kernspintomografie, Labor, Ultraschall u.a. zur Verfügung.

In der neuropsychologischen Testung kommen folgende Testsysteme zu Anwendung:

Krankheitsverlauf:

Bei der schleichend fortschreidenden Demenz werden in der Regel 3 Krankheitsstadien unterschieden:

Stadium I   Gedächtnisstörungen, neue Informationen werden nicht mehr gespeichert
Wortfindung und Präzision des Ausdrucks beeinträchtigt
Gestörte zeitliche und örtliche Orientierung,
Gestörtes Denkvermögen, Uneinsichtigkeit
Stadium II   Zunahme der Gedächtnisstörung, vergessen von Namen vertrauter Personen
Innere Unruhe, zielloses Wandern
Zeitgefühl nicht mehr vorhanden
Beeinträchtigung der Selbstversorgung im Bereich der Grundbedürfnisse wie Anziehen, Waschen, Essen
Halluzinationen. Illusionäre Verkennung
Stadium III   Probleme beim Essen
Sturzgefahr
Kontrollverlust von Blase und Darm
Familienmitglieder werden nicht mehr erkannt
Gangstörungen, Stürze
im Verlauf Verfall der körperlichen Kräfte, Bettlägerigkeit

Eine genauere Einteilung der Krankheitsphasen und der Hilfsbedürftigkeit erfolgt mit Hilfe der Global Deterioration Scale (GDS) nach Reisberg.

Schweregradeinteilung nach der Reisbergskala:

Globale Skala für Zunahme der Hilfsbedürftigkeit (GDS).
Stadium Beispiel des Defizits
1. Keine kognitive Abnahme entweder durch subjektive Bewertung oder durch klinisches Interview  
2. Sehr milde kognitive Abnahme Subjektive Beobachtung des Gedächtnisverlustes z.B., wohin man vertraute Gegenstände gelegt hat. Kein objektiver Beweis des Verlustes im klinischen Interview
3. Milde kognitive Abnahme Verringerte Leistung bei komplexen Aufgaben in Beruf und Gesellschaft. Objektiver Beweis der Beeinträchtigung nur im intensiven Interview zu erreichen
4. Gemäßigte kognitive Abnahme Unsicherheiten bei den Aufgaben des täglichen Lebens. Verringerte Fähigkeit, komplizierte Aufgaben durchzuführen., Verringerte Fähigkeit in Buchhaltung, Einkaufen etc..
5. Gemäßigt bis starke kognitive Abnahme Benötigt Hilfe bei der Wahl der Kleidung, beim Entscheid zum Baden. Tagesablauf muß organisiert werden.
6. Starke kognitive Abnahme Kein Bezug mehr zu den tagtäglichen Ereignissen. Zunehmende Schwierigkeiten mit dem Kleiden und dem Baden. Probleme mit dem selbständigen Toilettengang. Emotionale Änderungen und Verhaltensauffälligkeiten können auftreten. Harn- und Stuhlinkontinenz
7. Sehr starke kognitive Abnahme Sprechvermögen deutlich beeinträchtigt. Verlust der grundlegenden psychomotorischen Fähigkeiten
Reisberg, B., Ferris, S.H., de Leon, M.J., and Crook, T., American Journal of Psychiatry, 139:1136-1139, 1982.

Therapie:

Die Therapie richtet sich nach der Art der Grunderkrankung und erfolgt nach den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN).

Ein Schwerpunkt der Abteilung ist die Erfassung und Behandlung demenzassoziierter Begleiterkrankungen wie Bewegungsstörungen (insbesondere Gangstörungen), Störungen der Nahrungs-und Flüssigkeitsaufnahme, Inkontinenz, Verhaltensauffälligkeiten, u.a.)