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ASSESSMENT IN DER GERIATRIE

Pflegegesetzadaptiertes geriatrisches Basisassessment (PGBA)

8. Schmerz

Mindestens ein Viertel der älteren Menschen in der westlichen Welt leiden unter ständigen oder immer wiederkehrenden Schmerzen. In Deutschland wird die Zahl der über 65-jährigen mit chronischen Schmerzen auf ca. drei Millionen geschätzt. In Alten- und Pflegeheimen liegt der Anteil an Schmerzpatienten bei bis zu 80%.

Schmerz wird immer noch als ein unabdingbarer Begleiter des Alters empfunden und sei deshalb schicksalhaft zu akzeptieren. Dabei gibt es keinerlei Hinweise, dass ältere Menschen nicht in gleicher Weise wie jüngere von einer multimodalen Behandlung des Schmerzes profitieren. Leider ist die Schmerztherapie alter Menschen immer noch ein Stiefkind in der Medizin.

In der Altersmedizin führen Schmerzen häufig zu Immobilität, Depression, Schlafstörungen und Angst. Eine rasche Therapie der schmerzauslösenden Erkrankung kann die Gefahr der Chronifizierung reduzieren. Mit Hilfe von Graduierungsskalen lassen sich Art und Stärke der Schmerzen einteilen und ein individuelles Therapieangebot formulieren. Neben der medikamentösen Therapie kommen physikalische Behandlungen zur Anwendung.

Der zeitliche Verlauf, die Lokalisation sowie die Art des Schmerzes setzt eine gezielte Diagnostik und Therapie in Gang.

Akute Schmerzen

Akute Schmerzen sind ein Indikator für eine drohende oder bereits eingetretene Gewebsschädigung und sollten umgehend behandelt werden. Mit einer unverzüglichen effizienten Behandlung der auslösenden Grunderkrankung ist zu meist eine Schmerzfreiheit zu erreichen. Bei chronischen Schmerzen ist die Therapie der auslösenden Erkrankung oft frustran und die Schmerzbehandlung unbefriedigend.

Chronische Schmerzen

Chronische Schmerzen sind andauernde oder immer wiederkehrende Schmerzen über einen Zeitraum von mindestens 3 Monaten. Sie können zwar eine dauerhafte Schädigung eines Organs reflektieren, häufig verselbständigt sich jedoch der Schmerzcharakter und eine Organzuordnung fällt schwer. Die Therapiestrategien des akuten Schmerzes sind keinesfalls auf den chronischen Schmerz übertragbar.

Häufig in der Geriatrie anzutreffende Schmerzsyndrome sind:

  • Rückenschmerzen
  • Knochen-Schmerzen
  • Osteoporose (Knochenschwund)
  • Neuropathische Schmerzen (Nervenschmerzen)
  • Psychogene Schmerzen (Schmerzeinbildung bei psychischen Erkrankungen)
  • Tumorschmerzen
  • Postherpetische Neuralgie (z.B. nach Gürtelrose)
  • rheumatische, arthrotische Beschwerden (Gelenkverschleiß)
  • Schmerz als Somatisierungphänomen (Psychische Erkrankungen äußern sich als körperliche Beschwerden)

Visuelle Analog-Skala

Zur Bewertung der Art und Stärke des Schmerzes kommen visuelle Analog-Skalen oder Fragenkataloge zum Einsatz:

 

ECPA

Echelle comportementale de la douleur pour personnes âgées non communicantes

Dimension 1: Beobachtungen ausserhalb der Pflege

  1. 1 - verbale Äusserungen: Stöhnen, Klagen, Weinen, Schreien
    1. 0 - Patient/in macht keine Äusserungen
    2. 1 - Schmerzäusserungen, wenn Patient/in angesprochen wird
    3. 2 - Schmerzäusserungen, sobald jemand beim Patienten/der Patientin ist
    4. 3 - Spontane Schmerzäusserungen oder spontanes leises Weinen, Schluchzen
    5. 4 - Spontanes Schreien bzw. qualvolle Äusserungen
    6.  
  2. 2 - Gesichtsausdruck: Blick und Mimik
    1. 0 - entspannter Gesichtsausdruck
    2. 1 - besorgter, gespannter Blick
    3. 2 - ab und zu Verziehen des Gesichts, Grimassen
    4. 3 - verkrampfter u./o. ängstlicher Blick
    5. 4 - vollständig starrer Blick / Ausdruckslosigkeit
    6.  
  3. 3 - Spontane Ruhehaltung
    1. 0 - keinerlei Schonhaltung
    2. 1 - Vermeidung einer bestimmten Position, Haltung
    3. 2 - Patient/in wählt eine Schonhaltung (aber kann sich bewegen)
    4. 3 - Patient/in sucht erfolglos eine schmerzfreie Schonhaltung
    5. 4 - Patient/in bleibt vollständig immobil

Dimension 2: Beobachtungen während der Pflege

  1. 4 - ängstliche Abwehr bei Pflege
    1. 0 - Patient/in zeigt keine Angst
    2. 1 - ängstlicher Blick, angstvoller Ausdruck
    3. 2 - Patient/in reagiert mit Unruhe
    4. 3 - Patient/in reagiert aggressiv
    5. 4 - Patient/in schreit, stöhnt, jammert
    6.  
  2. 5 - Reaktionen bei der Mobilisation
    1. 0 - Patient/in steht auf / lässt sich mobilisieren ohne spezielle Beachtung
    2. 1 - Patient/in hat gespannten Blick / scheint Mobilisation und Pflege zu fürchten
    3. 2 - Patient/in klammert mit den Händen / macht Gebärden während Mobilisation und Pflege
    4. 3 - Patient/in nimmt während Mobilisation / Pflege Schonhaltung ein
    5. 4 - Patient/in wehrt sich gegen Mobilisation und Pflege
    6.  
  3. 6 - Reaktionen während Pflege von schmerzhaften Zonen
    1. 0 - keinerlei negative Reaktionen während Pflege
    2. 1 - Reaktionen während Pflege, ohne weitere Bezeichnung
    3. 2 - Reaktion beim Anfassen oder Berühren schmerzhafter Zonen
    4. 3 - Reaktion bei flüchtiger Berührung schmerzhafter Zonen
    5. 4 - Unmöglichkeit, sich schmerzhafter Zone zu nähern
    6.  
  4. 7 - verbale Äusserungen während der Pflege
    1. 0 - keine Äusserungen während der Pflege
    2. 1 - Schmerzäusserung, wenn man sich an den Patienten/die Patientin wendet
    3. 2 - Schmerzäusserung, sobald Pflegende beim Patienten/bei der Patientin ist
    4. 3 - spontane Schmerzäusserung oder spontanes leises Weinen, Schluchzen
    5. 4 - spontanes Schreien bzw. qualvolle Äusserungen

Dimension 3: Auswirkungen auf Aktivitäten

  1. 8 - Auswirkungen auf den Appetit
    1. 0 - keine Veränderungen bezüglich Appetit
    2. 1 - leicht reduzierter Appetit, isst nur einen Teil der Mahlzeiten
    3. 2 - muss animiert werden, einen Teil der Mahlzeiten zu essen
    4. 3 - isst trotz Aufforderung nur ein paar Bissen
    5. 4 - verweigert jegliche Nahrung
    6.  
  2. 9 - Auswirkungen auf den Schlaf
    1. 0 - guter Schlaf, beim Aufwachen ist der Patient/die Patientin ausgeruht
    2. 1 - Einschlafschwierigkeiten oder verfrühtes Erwachen
    3. 2 - Einschlafschwierigkeiten und verfrühtes Erwachen
    4. 3 - zusätzliches nächtliches Erwachen
    5. 4 - seltener oder fehlender Schlaf
    6.  
  3. 10 - Auswirkungen auf Bewegungen
    1. 0 - Patient/in mobilisiert und bewegt sich wie gewohnt
    2. 1 - Patient/in bewegt sich wie gewohnt, vermeidet aber gewisse Bewegungen
    3. 2 - seltene / verlangsamte Bewegungen
    4. 3 - Immobilität
    5. 4 - Apathie oder Unruhe
    6.  
  4. 11 - Auswirkungen auf Kommunikation / Kontaktfähigkeit
    1. 0 - üblicher Kontakt
    2. 1 - Herstellen von Kontakt erschwert
    3. 2 - Patient/in vermeidet Kontaktaufnahme
    4. 3 - Fehlen jeglichen Kontaktes
    5. 4 - totale Indifferenz
    6.  
  5. 12 - Pupillendilatation
    1. 0 - keine
    2. 1 - leicht
    3. 2 - stark
    4.  
  6. 13 - Pulsanstieg
    1. 0 - kein
    2. 1 - leicht
    3. 2 - deutlich
    4. 3 - stark

Total Punkte
( 0 = kein Schmerz, 44 = maximaler Schmerz)

(Morello R., Jean A., Alix M., Groupe Regates 1998, deutsche Version Kunz R. 2000)